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Das Jubiläum für visionäre Gedanken genutzt

Im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung der vier Witten-bacher Ortsparteien von SP, FDP, CVP und SVP haben der St.Galler Stadtpräsident Thomas Scheitlin und der Witten-bacher Gemeindepräsident Fredi Widmer die Vor- und Nachteile einer grossen Gemeindefusion diskutiert.


Am 1. Juli hatte sich die grosse Stadtverschmelzung von Straubenzell und Tablat mit «Alt St. Gallen» zum 100. Mal gejährt. Die Fusionspartner von damals waren gegenseitig aufeinander angewiesen. Das im Zuge des Stickereibooms rasant gewachsene St. Gallen benötigte dringend zusätz-liches Bauland für die weitere Entwicklung, die umliegenden Gemeinden ihrerseits ächzten unter der enormen finanziellen Last, welche sie aufgrund der steigenden Infrastrukturkosten zu stemmen hatten. Sie benötigten die Steuerkraft der vergleichsweise reichen Städter. Die Vorarbeiten der Fusion zogen sich über Jahre hin, wie Historiker Peter Stahlberger in seinem kurzweiligen Eintrittsreferat anlässlich der gut besuchten Veranstaltung im Restaurant Hirschen darlegte. Nur zu gerne wäre auch Wittenbach, das sich mit den gleichen strukturellen Herausforderungen wie seine Nachbarn konfrontiert sah, in einer späten Phase auf den rollenden Fusionszug aufgesprungen. Doch die potenziellen Partner zeigten ihrem Nachbarn die kalte Schulter.


Scheitlin: Verpasste Chance – Der Entscheid von damals sei aus zeitgenössischer ökonomischer Perspektive durchaus nachvollziehbar, sagte Thomas Scheitlin. Blende man diesen historischen Kontext indes aus, müsse man aus stadtsanktgaller Sicht von einer verpassten Chance sprechen. Er könne sich sehr gut vorstellen, dass eine Fusion beider Gemeinden in den 2020er-Jahren ernsthaft zum Thema werden könne, sofern die Umstände günstig seien. Scheitlin strich die Vorteile einer Fusion hervor: Schon heute würden St. Gallen und Wittenbach in immer mehr Bereichen eng zusammenarbeiten, angesichts der laufend steigenden Komplexität von öffentlichen Aufgaben werde sich die Kooperation immer weiterentwickeln. St. Gallen biete urbanen Wohnraum und Arbeitsplätze, benötige für seine Vision einer Entwicklung der Region aber ein Reservoir für gehobenen Wohnraum. Wittenbach würde sich hierfür gut eignen, so der St. Galler Stadtpräsident. Um eine Fusion der Bevölkerung schmackhaft zu machen, müsste ein Steuerfuss angestrebt werden, der tiefer liegt als jene von heute. 


Distanzierter Widmer – «Der Köder muss dem Fisch passen, nicht dem Fischer», entgegnete Fredi Widmer die Avancen seines Gesprächspartners. Der per Ende Jahr aus dem Amt scheidende Gemeindepräsident wies darauf hin, dass Wittenbach seine eigenen strukturellen Hausaufgaben noch zu bewältigen hat – noch ist man von der Umsetzung einer Einheitsgemeinde ein gutes Stück entfernt. Im Jahre 2012 habe man sich mit den St. Galler Nachbarn auf die wichtigsten Grundsätze für die weitere Zusammenarbeit geeinigt. Die Devise laute «Kooperation vor Fusion». In Bezug auf mögliche ökonomische Vorteile einer Fusion zeigte sich Widmer bedeutend skeptischer. Stattdessen brachte er die Option eines Zusammengehens Wittenbachs mit den Landgemeinden Muolen und Häggenschwil ins Gespräch.


Chance für Diskussion genutzt – Der Kanton St. Gallen nutzt einen Teil der ihm vor Jahren zugewiesenen Erlöse aus dem Verkauf der Goldreserven der Nationalbank dazu, die finanziellen Folgen von Gemeindefusionen abzufedern. Es ist absehbar, dass sich dieser Fonds aufgrund der regen Nachfrage in den nächsten Jahren leeren wird. Die Rahmen-bedingungen sprechen somit auf lange Frist eher gegen eine Fusion. Es sei bedauerlich, dass Wittenbach – unabhängig vom Entscheid, ob man allenfalls tatsächlich mit seinem grossen Nachbarn zusammengehen wolle oder nicht – nicht einmal bereit sei, visionäre Gedanken anzustellen, wurde in der abschliessenden Publikumsrunde beklagt. Die Veranstaltung der Wittenbacher Ortsparteien vermochte hier in einer gewissen Weise Gegensteuer zu geben. Die angeregten Diskussionen, welche auch die aktuelle Situation im Bruggwaldquartier betrafen, zeigten, dass die Veranstaltung den Nerv des Publikums getroffen hatte.


 Text: Adrian Schuhmacher

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